EN 16798 (Lüftung, Raumluftqualität und Klimatisierung)

Die EN 16798 ist eine europäische Normenreihe, die sich mit der energetischen Bewertung und den Anforderungen an Lüftung, Raumluftqualität und Klimatisierung von Gebäuden befasst. Sie ersetzt teilweise die frühere EN 13779 und spielt eine wesentliche Rolle im Rahmen der europäischen Richtlinien zur Energieeffizienz von Gebäuden. Diese Normenreihe bietet detaillierte Vorgaben für Planer, Architekten und Gebäudebetreiber, um eine optimale Raumluftqualität bei möglichst geringem Energieverbrauch sicherzustellen.

 

1. Ziel und Bedeutung der EN 16798

Die Normenreihe EN 16798 dient der Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden, ohne die Raumluftqualität und den thermischen Komfort der Nutzer zu beeinträchtigen. Sie verfolgt folgende Hauptziele:

  • Energieeinsparung: Reduzierung des Energieverbrauchs durch optimierte Lüftungssysteme und Klimatisierung.

  • Raumluftqualität: Sicherstellung einer hygienischen und gesunden Luftqualität für die Gebäudenutzer.

  • Anpassung an Klimazonen: Berücksichtigung unterschiedlicher klimatischer Bedingungen innerhalb Europas.

  • Integration erneuerbarer Energien: Förderung von Lüftungs- und Klimatisierungslösungen, die erneuerbare Energiequellen nutzen.

  • Harmonisierung innerhalb der EU: Schaffung einheitlicher Standards für die Gebäudeplanung und -bewertung.

 

2. Struktur der Normenreihe EN 16798

Die EN 16798 besteht aus mehreren Teilen, die verschiedene Aspekte der Lüftung, Klimatisierung und energetischen Bewertung behandeln:

  • EN 16798-1: Energieeffizienz von Gebäuden – Lüftung für Nichtwohngebäude (ersetzt die EN 15251)

  • EN 16798-2: Lüftung in Wohngebäuden – Anforderungen und Empfehlungen

  • EN 16798-3: Lüftung von Gebäuden – Leistungsanforderungen an Lüftungs- und Klimaanlagen

  • EN 16798-4: Methoden zur Bestimmung der energetischen Performance von Lüftungs- und Klimaanlagen

  • EN 16798-5: Berechnungsmethoden zur Energieeffizienzbewertung von Lüftungssystemen

  • EN 16798-6 bis EN 16798-17: Weitere Teile zu spezifischen Themen wie Steuerung, Raumklimatisierung oder messtechnische Anforderungen

 

3. Technische Anforderungen der EN 16798

Die Norm legt detaillierte Anforderungen an Lüftungssysteme, Luftqualität und Energieeffizienz fest.

3.1 Anforderungen an die Raumluftqualität

  • CO₂-Konzentration: Grenzwerte für Kohlendioxid in Innenräumen zur Sicherstellung ausreichender Frischluftzufuhr.

  • Feuchtigkeitskontrolle: Anforderungen an Luftfeuchtigkeit zur Vermeidung von Schimmelbildung und gesundheitlichen Risiken.

  • Partikelfilterung: Vorgaben für Luftfiltersysteme, um Schadstoffe und Allergene zu minimieren.

3.2 Anforderungen an Lüftungssysteme

  • Mindestluftwechselraten: Abhängig von der Gebäudenutzung und Personenzahl.

  • Natürliche und mechanische Lüftung: Anforderungen an Fensterlüftung, Abluftsysteme und zentrale Lüftungsanlagen.

  • Wärmerückgewinnung: Vorgaben für die Effizienz von Wärmetauschern zur Reduzierung des Energieverlusts.

  • Luftdichtheit von Gebäuden: Anforderungen zur Minimierung von unkontrollierten Luftströmungen und Wärmeverlusten.

3.3 Energieeffizienzvorgaben

  • Primärenergiebedarf: Berechnungsmethoden zur Ermittlung des Energieverbrauchs für Lüftung und Klimatisierung.

  • Einsatz erneuerbarer Energien: Anforderungen zur Integration von Solaranlagen, Geothermie oder anderen nachhaltigen Energiequellen.

  • Optimierung der Anlagentechnik: Effizienzvorgaben für Ventilatoren, Klimageräte und Luftverteilungssysteme.

  • Gebäudeautomation und Steuerung: Empfehlungen zur Nutzung intelligenter Steuerungssysteme für eine bedarfsgerechte Klimatisierung.

 

4. Anwendung in der Praxis

Die EN 16798 hat weitreichende Auswirkungen auf die Planung, den Betrieb und die Modernisierung von Gebäuden. Sie wird insbesondere in folgenden Bereichen angewendet:

  • Neubauten: Integration energieeffizienter Lüftungssysteme von Beginn an.

  • Sanierung von Bestandsgebäuden: Verbesserung bestehender Lüftungsanlagen zur Einhaltung neuer Effizienzstandards.

  • Zertifizierungssysteme: Grundlage für Gebäudezertifikate wie LEED, BREEAM oder DGNB.

  • Richtlinien und Bauvorschriften: Einfluss auf nationale Bauordnungen und Energieeinsparverordnungen.

 

5. Herausforderungen und Umsetzung

Die Implementierung der EN 16798 bringt einige Herausforderungen mit sich:

  • Investitionskosten: Energieeffiziente Lüftungssysteme erfordern zunächst höhere Investitionen, amortisieren sich aber durch Einsparungen.

  • Komplexität der Berechnungsmethoden: Detaillierte Simulationen und Analysen sind notwendig, um die Normkonformität sicherzustellen.

  • Technische Umsetzbarkeit: Nicht alle Gebäude lassen sich ohne erhebliche bauliche Anpassungen mit modernen Lüftungssystemen nachrüsten.

  • Bewusstsein und Akzeptanz: Viele Planer und Gebäudebetreiber sind sich der Normenanforderungen nicht ausreichend bewusst.

 

Die EN 16798 stellt einen wichtigen Schritt zur Verbesserung der Energieeffizienz und Raumluftqualität in Gebäuden dar. Ihre Umsetzung erfordert eine sorgfältige Planung, moderne Technologien und ein Bewusstsein für nachhaltige Bauweisen. Die Norm bildet eine Grundlage für energieeffizientes und gesundes Bauen und wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen.

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